
Swami
Omkarananda
Friede, Freude,
Kraft
Im Tempel des Franziskus
Es wird uns berichtet,
dass Franz von Assisi eines Tages mit seinem Begleiter,
Bruder Leone, auf dem Weg nach S. Maria dell'Angeli war.
Es war Winter und er litt heftig unter der bitteren
Kälte. Da rief er dem Leone, der ein wenig vor ihm
ging, zu: "Ach, Leone, wenn wir auch Blinde sehend
machen, ja sogar einen Toten nach vier Tagen wieder zum
Leben erwecken - dann merk dir trotzdem, dass darin nicht
die Ursache der vollkommenen Freude liegt!"
Und er ging ein
Stück weiter und rief laut: "Auch wenn einer alle
Sprachen und alle Wissenschaften beherrschen würde
und zudem imstande wäre, die kommenden Dinge und die
Geheimnisse des Gewissens und der Seele wahrzunehmen -
dann schreibe, dass das nicht die Ursache vollkommener
Freude ist!". In dieser Art fuhr Franziskus über
zwei Viertelmeilen des Wegs fort zu reden.
Gegen Ende des Wegs
fragte Bruder Leone völlig erschöpft,
durchfroren und mit grosser Verwunderung: "Um
Gotteswillen, ich bitte dich, nun sage mir doch endlich,
wo die vollkommene Freude zu finden ist?!"
Du kannst dich mit deinem
grobstofflichen Körper identifizieren und dich um
ihn sorgen, wie es auch Tiere tun. Die vitalen Ziele
haben am richtigen Platz ihren Wert. Auf die Dauer
bewirken sie aber eine völlige Unordnung innerhalb
der Gesamtpersönlichkeit . Du kannst dich auch mit
deinem selbstbewussten Intellekt gleichsetzen. Er nimmt
heute mit seinen natürlichen Begrenzungen die
oberste Stelle ein. Die Folge davon ist
selbstzerstörerischer Skeptizismus. Dein Gemüt,
dein menschlicher Geist ist nicht deine Stärke. Der
Bereich der menschlichen Psyche ist eine chaotische
Schutthalde, ein Tummelplatz aller Arten von
divergierenden Bestrebungen, Instinkten, Trieben,
Wünschen und Begierden.
Du kannst aber auch dein
Einssein mit dem Selbst fühlen, das der Beobachter
von allem ist, ein allsehendes Bewusstsein, ein alles
beobachtendes Bewusstsein in dir, der grösste
Beobachter. Ihm sind keine Grenzen gesetzt. Er ist
zeitlos, raumlos und führt zu unermesslichem
Glück.
Wenn wir tiefer in uns
hineingehen, sind wir in der Lage, auf eine Weise den
Beobachter des Beobachters zu beobachten. Wer beobachtet
das Wirken der Intelligenz in unserem Denken? Nicht
unsere Augen. Der Körper ist es nicht, der mit
diesem Beobachter in Gemeinschaft treten kann. Genauso
wenig wie das irrende, abgelenkte und von Ängsten
und Unruhe geplagte Denken und Fühlen.
Wir können den
Beobachter deutlicher erleben als das Wirken des
menschlichen Verstands und alle Regungen unseres
Herzens.
Ohne den Geist des
Beobachters kann nichts existieren. Nichts kann leben,
keiner kann denken, keiner kann lieben, keiner kann
glücklich sein ohne diese Tatsache des
Gottesgeistes.
Er ist in allem. Er ist
alles. Im Blitz und Donner sagt er: "Keine Angst, ich bin
es!" (Matth. 14,27). Erkenne mich. Dir kann nichts
passieren. Du bist ein Teil von meinem
unzerstörbaren Geist und Leben. Im Erdbeben, das uns
erschreckt, bedroht, peinigt, sagt er: "Ich bin es! Keine
Angst! Ich bin hier, in diesem Erdbeben, aber nicht als
dieser Schrecken, diese Notlage, sondern dahinter,
darüber, unbetroffen und bereit, dir zu helfen,
über der Sache zu stehen. Mein Reich ist nicht von
dieser Welt. Es besteht nicht aus Angst und Not, aus
Unglück und Jammer, aus Schwächen, Fehlern,
Unwissenheit und Übeln. Mein Reich ist unendlicher
Frieden, unendliche Freude, Kraft, Schönheit,
Fülle, es ist Leben. Alles in der Dimension
Ewigkeit."
Wenn wir einen Franziskus
sehen, sind wir erstaunt, wie spontan und natürlich
sein inneres Wesen mit der Seele in Himmelskörpern,
in den Vögeln, Wölfen, Fischen und anderen
Tieren eins wird. Sein psychisches Wesen ist durch die
Umwandlung gegenüber der Schönheit in der
Natur, der Schönheit in allem Leben sehr
empfindungsfähig geworden. Sie ist gegenüber
der Wahrheit in der ganzen Schöpfung und
gegenüber der alles segnenden Gegenwart im Herzen
aller Objekte empfänglich geworden.
Das nie Gesehene, das
Unsichtbare ist der wirkliche Träger von allem, was
gesehen wird und was jemals sichtbar wird; es ist die
Substanz und Ursache des Universums und des Menschen. Das
wirkliche und wahre Wissen liegt im göttlichen Reich
im Herzen des Menschen, im Schöpfer des Menschen, im
wirklichen subjektiven inneren Beobachter menschlicher
Erfahrungen und Zustände. Aus ihm steigt unsere
Intelligenz auf. Moralische, ästhetische und
intellektuelle Qualitäten erscheinen. Die
äusseren und inneren Merkmale des Bewusstseins
treten zutage.
Unser Verlangen nach
Frieden, nach Einheit und Vereinigung, nach Freiheit und
Kraft ist Ausdruck der eigentlichen Natur des inneren
Bewusstseins. Eine Psychologie des menschlichen
Glücks würde die unendliche, gänzlich
unabhängige Glückseligkeit als das letzte Ziel
menschlichen Verlangens nach Glück erkennen. Sie ist
das wesentliche Merkmal und die Eigenschaft der Gottheit,
die in jedem von uns ist.
Das zu erkennen, giesst
unserem Leben unbegrenzten Frieden, Segen, Freude und
Kraft ein. Dieses göttliche Prinzip voll endloser
Vollkommenheiten, voll Weisheit und Wunder soll zum
festen Bestandteil unserer täglichen Erfahrung
werden. Alle Schönheit, alles Licht unendlicher
Liebe, alle Wunder des Himmelreichs sind in diesem Geist,
im "Odem", im Bild Gottes in uns.
Das gereinigte Herz
berührt diesen Geist oder wird von ihm berührt.
Dann erscheint das Licht des Göttlichen und stellt
sich uns als der grossartige Tempel Gottes vor
Augen:
"Wenn wir jetzt nach
Portiuncula kommen und vom Regen durchweicht sind, von
der Kälte erstarrt, vom Kot der Strassen angespritzt
und vor Hunger matt sind, und wir so an die Tür
anklopfen und der Pförtner kommt und böse ist
und fragt: Wer seid ihr?' und wir antworten:
Wir sind zwei von deinen Brüdern!' und er dann
sagt: Was! Ihr Lügner! Ihr seid die zwei
Strassenräuber, die zur Zeit unterwegs sind und die
Leute verführen und den Armen die Almosen klauen!
Weg mit euch!'
Wenn er so mit uns redet,
uns nicht öffnet, sondern draussen im Schnee, im
Wasser und in der Kälte hungrig stehen lässt
und die Nacht hereinbricht, und wenn wir dann eine solche
Bosheit und eine solche Behandlung ertragen und es
über uns ergehen lassen, ohne böse zu werden
und ohne gegen ihn zu schimpfen, und wenn wir statt
dessen demütig und liebevoll denken, dass uns dieser
Pförtner gründlich kennt und dass Gott es ist,
der ihn gegen uns aufgebracht hat - oh Leone, merk dir,
dass das die vollkommene Freude ist!"
ISBN
978-3-7964-0202-9
EUR
12.70
Lein.
